Fallbeispiel Che Guevara: Raub und Übernahme linker Symbole

Von Mitte bis Ende der 2000er Jahre war es bei manchen Neonazis angesagt, das Bild von Che Guevara als Shirt-Motiv zu präsentieren. Es waren nicht viele, die das taten, doch die konnten sich medialer Aufgeregtheit sicher sein. Die rechte Adaption eines bekannten Symbols der Linken warf zwei zentrale Fragen auf: Ein Internationalist auf den Shirts der borniertesten Nationalisten, ist das nicht ein unauflösbarer Widerspruch? Warum tun Neonazis das?

Immer wieder aufs Neue bedienen sich Rechte am symbolischen Repertoire der Linken. Und immer wieder werden die Fragen nach dem Warum und dem Widerspruch gestellt.

Politische Symbole transportieren die Geschichte, Erzählungen und Ideen politischer Bewegungen. Doch dieser ideelle Besitzstand ist unsicherer als es scheint. Der Bedeutungskern eines politischen Symbols ist nicht unveränderbar, er kann sich seiner ursprünglichen politischen Idee entkoppeln und auf diffuse Schlagworte reduzieren (Che Guevara: Protest, Widerstand, Rebellion). Symbole aus ihrem historischen Kontext zu reißen, sie neu zu interpretieren und für sich nutzbar zu machen, war schon immer eine Begabung faschistischer Bewegungen.

Popstar Che Guevara

Die Fotografie von Alberto Korda, die Che Guevara im Jahr 1960 zeigt, ist eine Medienikone des 20. Jahrhunderts. Das Bild, das Korda »Guerillero Heroico« nannte, wurde ein Leitbild linker Bewegungen in der ganzen Welt. Doch als deutsche Neonazis in den 2000er Jahren begannen, mit diesem Bildnis auf ihren Shirts zu marschieren, war es längst der exklusiven Nutzung durch Linke entzogen und ins Produktsortiment von Textildiscountern, Spirituosen-Herstellern und Nahrungsmittelkonzernen eingegangen.

Che Guevaras Blick kann die Sehnsucht nach der Weltrevolution spiegeln. Er steht jedoch auch für eine diffuse Abenteuer-Romantik oder einen Kitsch vergleichbar dem einer Piratenschmonzette. Die linke Kunstgruppe Situationistische Internationale beschrieb bereits in den 1960er Jahren diesen Vorgang als »Rekuperation« – der Kapitalismus macht sich die antikapitalistische Rebellion zu eigen, funktioniert sie zu einer Ware um und macht sie dadurch ungefährlich.

Aneignung und Umdeutung

In den rechten Che-Guevara-Motiven lassen sich verschiedene Stadien und Formen des Symbolraubs ausmachen.

Zum einen der bloße, nicht weiter kommentierte Zugriff auf Che Guevara (Bild 1). Zum Zweiten die provozierende Aneignung: »Che belongs to us« und »Nicht nur Che wäre bei uns«. Zum Dritten die Manipulation des Bildes und die Fälschung der Geschichte des Guerillero Heroico: Der Stern wird von seiner Mütze entfernt und durch das stilisierte Keltenkreuz, das White-Power-Zeichen, ersetzt (Bild 2). Der südamerikanische Internationalist, der im antikolonialen Widerstand im Kongo kämpfte, wird zur Gallionsfigur einer weißen »Herrenrasse« gemacht. Dies ist freilich absurd. Doch nicht viel absurder als das Speiseeis »Magnum Cherry Guevara«, das der Unilever-Konzern, einer der weltgrößten Konsumgüter-Konzerne, vor einigen Jahren auf den Markt brachte. Mit dem Konterfei von Che Guevara und einer roten Kirsche anstelle des Sterns auf der Mütze.

Ablehnung und Abwertung

Auch die rechten Motive auf den Bilder 3 bis 5 zeigen Che Guevara. Doch er wird nicht geraubt und umgedeutet, sondern er wird geschändet und abgewertet. Der durchgestrichene, mumifizierte, als schwul verunglimpfte und geköpfte Che Guevara dient als Anti-Held und Feind-Bild einer zu bekämpfenden Linken. Dieser Che Guevara steht für Niederlage, Unmännlichkeit und Schwäche, die Botschaft ist: Den wollen wir nicht, er gehört dem Feind.

Die Schändung von kultischen Bildern, Figuren und Symbolen ist ein altes Mittel zur Demoralisierung des Gegners in Kriegen und politischen Auseinandersetzungen. Dem Hakenkreuz ist beispielsweise in den vergangenen Jahrzehnten symbolisch vieles widerfahren: Es wurde mit Fäusten, Knüppeln und Gitarren zerschlagen, mit Skateboards kaputt gefahren, es flog in viele Mülleimer dieser Welt oder wurde durchgestrichen und zum verbotenen Symbol erklärt.

Mitunter lässt sich mit einfachen Mittel aus einem politischen Symbol ein Gegensymbol herstellen: ein Symbol mit gegensätzlicher politischer Bedeutung. »Black Power« war das Schlagwort der Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner_innen ab den 1960er Jahren und diese hatte ein eindrucksvolles und wirkmächtiges Symbol: Die erhobene schwarze Faust, die Selbstbewusstsein, Stärke und Entschlossenheit ausdrückte. Die reaktionäre, rassistische Antwort weißer US-Amerikaner_innen lautete »White Power«. Die schwarze Faust wurde weiß gezeichnet und zur White-Power-Faust erklärt. Sie ist heute neben dem stilisierten Keltenkreuz (ein aus der keltischen Geschichte entnommenes und umgedeutetes Symbol) das weltweit wohl bekannteste Symbol weißer Rassist_innen.

Provokation und Diskursverschiebung

Was verleitet Rechte nun dazu, sich ein linkes Symbol anzueignen und positiv zu besetzen? Am Beispiel der rechten Che-Guevara-Motive lassen sich folgende Erklärungen generieren.

Erstens: Mit einem Che Guevara-Shirt konnte man den politischen Feind, mit dem man bei Aufmärschen konfrontiert ist, prächtig provozieren. Das funktionierte so lange, bis sich die Provokation abnutzte und fast niemand mehr darüber aufregte. Dadurch dass sich Neonazis aus dem Spektrum der sogenannten Autonomen Nationalisten Che Guevara und andere linke Symbole aneigneten, erhielten sie ganze Bildstrecken in den Medien, erfuhren Bedeutung und konnten sich als »neue Kraft« im neonazistischen Spektrum profilieren.

Zweitens: Neonazis nehmen den Nutzwert des Symbols in Anspruch. Che Guevara steht für Rebellion und Abenteuer und somit für attraktive Labels, die sich auch Neonazis anheften. Und Che Guevara transportiert den Mythos der unterdrückten »Völker«, die ihre Fesseln sprengen und die Mächtigen besiegen (werden). Mit Che Guevara auf den Shirts kann sich jede unbedeutende Neonazi-Kleingruppe zur »Befreiungsbewegung« erheben.

Drittens: Ein starkes Symbol ist eine scharfe Waffe im Streit um politische Ideen. Mittels einer Symbol-Aneignung kann man diese Waffe für den politischen Feind unbrauchbar machen und ihn schwächen. Wenn es gelingt, ein populäres Symbol zu übernehmen, hat man Boden gut gemacht. Mit dem Symbolraub findet mitunter eine diskursive Verschiebung statt, die durchaus beabsichtigt sein kann. Die Linke fragt sich: Wenn die Rechten »unser« Symbol so einfach übernehmen können, welchen inhaltlichen Wert hat es dann eigentlich noch?

Manchmal nur Episoden

Welches Erklärungsmuster des Symbolraubs im Vordergrund steht, hängt vom Einzelfall ab. Mal ist es die Lust an der Symbolspielerei und an der Provokation, mal geht es hauptsächlich um Abgrenzung und Herausstellung des Eigenen (Distinktion), mal soll aus Kalkül ein Symbol erobert oder entschärft werden. Oft gibt es nicht den einen entscheidenden Grund. Und nicht jede Provokation erzielt die erhoffte Wirkung, nicht jede Strategie ist durchdacht. Das Beispiel Che Guevara zeigt, dass Symbolaneignungen manchmal Episoden bleiben. Die auf den Raub linker Symbole spezialisierten Autonomen Nationalisten waren und sind keine mehrheitliche Strömung der Neonazis. Viele Rechte betrachteten das Che-Guevara-Konterfei in ihren Reihen stets skeptisch bis feindselig, gerade wegen der damit verknüpften linken Assoziationen. Im Jahr 2018 ist Che Guevara als positiver Bezugspunkt aus der neonazistischen Symbolwelt fast vollständig verschwunden. Wenn sein Bild heute auf Aufmärschen, Neonazikonzerten und rechten Facebookseiten gezeigt wird, dann in der Regel als Feind-Bild. Es scheint, als sei eine geltende Ordnung wiederhergestellt.

Rechter Pragmatismus

Symbolraub durch Rechte erzeugt zweifellos Widersprüche. Doch Widersprüche kann man aushalten oder ignorieren, vielleicht auch überwinden. Widersprüchlichkeit ist nur eine Eigenschaft einer Sache, sie macht die Sache selbst nicht unmöglich. Aneignungen von linken Symbolen durch Rechte sind weder etwas Neues noch etwas Außergewöhnliches. Sie sind weder Ausdruck von Kreativität noch von einer Einfallslosigkeit, die einmal mehr beweisen würde, wie blöde Neonazis doch sind.

Bei ihren Symbol-Raubzügen kommt Faschist_innen ein Charakterzug entgegen, der sie von Linken unterscheidet. Linke sind der Rationalität und dem Materialismus verpflichtet, sie trachten in der Regel danach, dass Inhalt und Form einer Sache übereinstimmen und einer Logik folgen. Linke glauben an die inhaltliche Bedeutung von Symbolen. Deshalb kommt es kaum vor, dass sie Symbole verwenden, die von Rechten besetzt sind, denn damit würde ein Teil der mit dem Symbol assoziierten rechten Ideologie in die Linke einfließen. Die Tyr-Rune (»Kampfrune«) als Symbol für einen linken politischen Kampf? Kaum denkbar.

Die Symbolnutzung der Rechten strebt hingegen nicht nach Konsistenz, sondern ist von einem Pragmatismus geprägt, der immer wieder erstaunt. Ihre Symbolraube haben eine lange Tradition. Schon die historischen Nationalsozialisten begingen vielerlei »Entwendungen aus der Kommune«, wie es der zeitgenössische Philosoph Ernst Bloch beschrieb. Sie bedienten sich hemmungslos aus den sozialen Bewegungen ihrer Zeit – an ihrer Symbolik, Kunst und ihren Aktionsformen. Der Faschismus ist nicht durch ein festes und durchdachtes Programm verstehbar, er war immer ein »Bienenkorb an Widersprüchen«, wie es der Schriftsteller Umberto Eco ausdrückte. Es geht dem Faschismus darum, Leidenschaften zu mobilisieren und einen Machtanspruch zu erheben. Zur Herstellung von Gemeinschaft und Schaffung von Stärke ist es für den Faschismus notwendig, Mythen zu haben und zu leben. Und Symbole tragen erheblich zur Produktion von Mythen bei.

Dabei werden erklärtermaßen moderne Mittel für antimoderne Ziele eingesetzt. Die Moderne sei ein Tiger, den zu reiten man lernen müsse, schrieb der italienische Faschist Julius Evola in den 1960er Jahren. Das Kriterium, um Symbole zu verwenden ist daher in erster Linie, ob sie funktionieren, um im rechten Sinne Leidenschaften zu mobilisieren und Mythen zu stiften. Oder um Mythen der politischen Gegner zu zerstören. Widersprüche oder gegenläufige Bedeutungserbschaften eines Symbols interessieren nur, wenn sie der Zielerreichung im Weg stehen.

Der rechte Pragmatismus ist übrigens nicht auf Symbole beschränkt, sondern betrifft auch Formen und Ideen. Die Autonomen Nationalisten übernahmen beispielsweise im Bereich der Formen die Inszenierung eines »schwarzen Blocks« von linken Autonomen, um sich als militante Streetfighter zu präsentieren. Der rechte Vordenker Alain de Benoist machte die Überlegungen des Philosophen Antonio Gramsci zur Bedeutung der »kulturellen Hegemonie« für extrem Rechte fruchtbar – ein Beispiel für einen rechten Raub linker Theorie. Dass Gramsci Kommunist war, störte de Benoist nicht, ausschlaggebend war für ihn die Anwendbarkeit von Gramscis Analysen. So überrascht es auch nicht, wenn heute Anhänger_innen der neofaschistischen Identitären Bewegung darüber berichten, Schriften von Lenin zu lesen.

Symbole ernst nehmen

Wie kann man ein Symbol gegen den Raub durch Rechte schützen? Ist dagegen überhaupt ein Kraut gewachsen?

Zunächst sind nicht alle linken Symbole für rechte Zwecke interessant. Zur Ästhetisierung männlicher Virilität und kriegerischen Kampfgeistes lassen sich (bisher) keine queerfeministischen Symbole umdeuten. Es ist jedoch gefährlich, diese Unvereinbarkeit für eine politische Bewertung heranzuziehen. Queerfeminismus muss sich – wie andere Ideen auch - selbst begründen und darf sich gegenüber anderen politischen Strömungen nicht dadurch ins Recht setzen, dass er für rechte Übernahme uninteressant ist.

Als Daumenregel kann dienen, dass ein Symbol umso schwerer zu rauben ist, je eindeutiger es auf einen Inhalt festgelegt ist. Je weicher und deutbarer ein Symbol ist, desto leichter lässt es sich in andere Kontexte übertragen.

Indes darf das Bemühen, Symbole gegen Raub und Umdeutung abzusichern, nicht dazu führen, keine mehr zu nutzen oder die eigenen Symbole wirkungslos zu machen. In der Bedeutungsunschärfe eines Symbols kann auch eine besondere Kraft liegen, die die Fantasie beflügelt und zum Träumen verleitet.

Für welchen Inhalt ein politisches Symbol steht, ist stets in Bewegung, Gegenstand von Auseinandersetzungen und bedarf zeitgemäßer Begründungen. Der Kampf um den Besitz und die Deutung von Symbolen muss darum geführt werden. Dies betrifft nicht nur linke, sondern viele politische und gesellschaftliche Gruppen. Wer Rechten leichtfertig populäre und geschichtsträchtige Symbole überlässt, öffnet ihnen gesellschaftliche Räume, die sie skrupellos ausnutzen werden.

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